Ich will spielen und keine Schicht anfangen
Videospiele sind für mich Freizeit. Ich starte sie, weil ich Spaß haben möchte. Trotzdem gibt es Spiele, die sich irgendwann erstaunlich ähnlich wie Arbeit anfühlen.
Log dich heute ein. Erledige fünf tägliche Aufgaben. Sammle dieselbe Ressource noch hundertmal. Spiele denselben Abschnitt erneut. Morgen beginnt das Ganze von vorne.
Natürlich kann Wiederholung Spaß machen. Ich habe nichts gegen Grind an sich. Wenn das Gameplay selbst gut ist, kann ich dieselbe Aktivität sehr oft machen. Mein Problem beginnt dort, wo nur noch die Belohnung am Ende interessant ist.
Eine größere Zahl ist noch kein gutes Gameplay
Viele Spiele zeigen Fortschritt hervorragend. Level steigen. Balken werden voll. Seltene Gegenstände landen in der Sammlung. Das kann extrem motivieren.
Ich frage mich dabei inzwischen öfter: Würde ich diese Tätigkeit auch machen, wenn es dafür keine Erfahrungspunkte gäbe? Wenn die Antwort klar nein lautet, ist das für mich ein Warnsignal.
Ich möchte nicht zwei Stunden gelangweilt sein, damit ich danach für zehn Sekunden eine Belohnung sehe. Der Weg selbst muss etwas wert sein. Sonst tausche ich Lebenszeit gegen eine Zahl in einer Datenbank.
Sammeln kann Spaß machen. Pflichtgefühl nicht
Ich verstehe den Reiz einer vollständigen Sammlung. Ein Spiel zu hundert Prozent abzuschließen kann befriedigend sein. Auch ein seltenes Item kann eine schöne Erinnerung an eine schwierige Aufgabe sein.
Der Unterschied liegt für mich im Gefühl währenddessen. Spiele ich weiter, weil ich wirklich Lust habe? Oder spiele ich nur weiter, weil eine Liste noch nicht vollständig ist? Bei der zweiten Variante versuche ich inzwischen bewusst aufzuhören.
Freizeit muss nicht produktiv sein. Genau deshalb will ich sie auch nicht mit künstlichen Pflichten füllen.
Bei Onlinespielen gehört dein Fortschritt oft einem Server
Bei einem reinen Onlinespiel existiert ein großer Teil meines Fortschritts nur auf den Servern des Betreibers. Wenn diese Server irgendwann abgeschaltet werden, kann meine Sammlung verschwinden. Auch Level und erspielte Gegenstände können dann praktisch wertlos werden.
Das bedeutet nicht automatisch, dass jede Stunde davor verschwendet war. Wenn ich beim Spielen Spaß hatte, war die Zeit für mich nicht verloren. Ein Kinofilm verschwindet nach zwei Stunden auch vom Bildschirm und kann trotzdem eine gute Erfahrung gewesen sein.
Anders fühlt es sich an, wenn der einzige Reiz im dauerhaften Fortschritt lag. Dann zeigt eine Serverabschaltung ziemlich brutal, wie wenig vom eigentlichen Erlebnis übrig war.
FOMO ist für mich kein Spielinhalt
Zeitlich begrenzte Events und tägliche Belohnungen können ein Spiel lebendig machen. Sie können aber auch dafür sorgen, dass ich starte, obwohl ich eigentlich etwas anderes machen wollte.
Wenn ein Spiel mich mit Verlust motiviert, werde ich skeptisch. Heute einloggen oder die Belohnung ist weg. Diese Woche grinden oder der Pass läuft aus. Das nutzt nicht meine Lust am Spielen. Es nutzt meine Angst etwas zu verpassen.
Ein gutes Spiel darf mich zurückholen, weil ich wieder spielen will. Es muss mich nicht jeden Abend daran erinnern, dass eine Aufgabe offen ist.
Die wichtigste Frage stelle ich mitten im Spiel
Ich versuche nicht mehr nur zu fragen, ob ich ein Spiel irgendwann durchgespielt habe. Viel wichtiger ist für mich eine einfachere Frage: Macht mir das gerade Spaß?
Wenn ja, spiele ich weiter. Wenn ich seit einer Stunde nur noch auf den nächsten Balken starre, kann ich auch aufhören. Meine Freizeit wird nicht wertvoller, nur weil ein Spiel mir am Ende 100 Prozent anzeigt.